Volkswirtschaftslehre wieder interessant
Jahrelang bezogen sich meine volkswirtschaftlichen Interessen als Controller insbesondere auf die Preisbildung für Devisen und Rohstoffkosten über Angebot und Nachfrage sowie den Einfluss der zunehmenden „Staatsquote“ auf die Steuer- und Abgabenhöhe von Unternehmen.
Spätestens seit der Bankenkrise, und verstärkt durch die Finanzkrise, interessieren mich die Staatsverschuldung und die Abhängigkeiten vieler Staaten von der Finanzwirtschaft, d.h. volkswirtschaftliche Fragestellungen, sehr viel mehr, da sie auch direkten Einfluss auf die Unternehmen ausüben.
Insofern hat mich heute ein kleiner Bericht in der FTD unter der Überschrift „Griechenland mal 43“ wieder sehr aufmerksam gemacht. Die Überschrift „Griechenland mal 43“ bezieht sich auf die US-Volkswirtschaft, die 43 mal größer als die griechische Volkswirtschft ist. In dem Artikel heißt es u.a. „Die marktbasierten Einkünfte aus Privatbeschäftigung, Selbstständigkeit, Mieten, Dividenden und Zinsen machen gerade noch 68 Prozent des gesamten Vorsteuereinkommens der privaten Haushalte (in den USA) aus, ein Negativrekord seit Beginn des vierteljährlichen BIP-Ausweises 1947. Die Auslagen der Verbraucher entsprechen inzwischen 130 Prozent des marktbasierten Einkommens vor Steuern, ebenfalls ein Rekord.“
Was ist meine Interpretation? Ein immer größerer Anteil des US-amerikanischen Vorsteuereinkommens wird durch den Staat finanziert, z.B. durch Transferzahlungen und Beschäftigungen im öffentlichen Sektor. Wie refinanziert sich der Staat? Durch Steuern, Abgaben und Schuldenaufnahme, wodurch die Zins- und Abgabenlast für die Unternehmen und Bürger, die Steuern und Abgaben leisten, noch höher wird, wird wiederum weniger Nachfrage und damit eine geringere Beschäftigung erzeugt. Eine Abwärtsspirale, wenn nicht ein Wachstum aus einer boomenden Wirtschaft kommt. Das weltweite Schuldenproblem hat inzwischen ein weitaus größeres Ausmaß als nur die drohende Insolvenz der Länder Griechenland, Portugal und Spanien, die aufgrund von Bürgschaften sowieso nicht eintreten wird. Größere Probleme könnten sich aus der finanziellen Situation der USA ergeben. Der berühmte Ökonom Nouriel Roubini wird in dem FTD-Artikel „Roubini sieht USA in Gefahr“, vom 29.4.2010, u.a. wie folgt zitiert:“ „Das Risiko, dass den USA etwas Ernstes passiert, ist erheblich.“
Was ist die Lösung? Ein Ansatz könnte sein, nach jahrzehntelangem betriebswirtschaftlichem Wissenszuwachs in der Bevölkerung, u.a. durch mehr Sebständigkeiten, jetzt ein zunehmendes volkswirtschaftliches Wissen und damit Bewusstsein zu fördern. Die Bürger bzw. die Wähler können nicht weiterhin immer höhere Leistungen vom Staat verlangen, die zu immer höheren Belastungen für die nächsten Generationen führen. Wann wählen Wähler endlich Politiker, die für einen Schuldenabbau in Stufen plädieren, woraus aber auch mehr Eigenverantwortung für die Bürger resultiert?
Weiterhin bräuchten wir (eigentlich) zunehmend ein volkswirtschaftliches Controlling und eine Volks- oder Welt-Balanced-Scorecard, d.h. ein abgestimmtes übergeordnetes Zielsystem, aus dem sich Einzelziele ableiten lassen können.
Den letztgenannten Punkten stehen jedoch häufig eine übergroße Komplexität, eine bestehende Ungerechtigkeit und auch ein Besitzstandsdenken gegenüber. Doch die Belastung durch Schulden und die Abhängigkeit von den Finanzmärkten, nur um durch Wahlversprechungen die nächsten Wahlen zu gewinnen, könnte langfristig in die finanzielle Katastrophe vieler Volkswirtschaften führen. Aber vielleicht gibt es auch irgendwann eine „UN-Taskforce“ für solche Länder.
Generell könnte sich nach dem Ökobewußtsein weltweit zunehmend ein Schuldenbewußtsein entwickeln, auch wenn es der Einzelne nicht so physisch wahrnehmen mag, wie eine Umweltverschmutzung in seinem Land.Sustainability, d.h. Nachhaltigkeit bzw. Zukunftsfähigkeit, werden immer mehr Bedeutung für das wirtschaftliche und gesellschaftliche Handeln erhalten.
Zugegeben: Die Beeinflussungsmöglichkeiten in der Volkswirtschaft sind für Individuen geringer als in einem Unternehmen. Auch müssen in der Volkswirtschaft heterogen Massen mit divergierenden Zielen überzeugt werden.
Doch könnten wir einen Anfang wagen, indem z.B. wir als Controller, methodisch zuständig für eine „ausgewogene Unternehmensplanung“, mehr volkswirtschaftliche Verantwortungen und Aufgaben übernehmen und dort unsere Verfahren und Erfahrungen einsetzen, z.B. Mitgliedschaft in Parteien, Parlamenten und gemeinwirtschaftlich Organisationen und dabei mit Methodenkompetenz und Vorbildfunktion vorangehen, z.B. nicht langfristig über seine Verhältnisse leben, aber welcher Controller macht das schon;-). Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird sich unsere Weltwirtschaftsordnung in den nächsten 20 Jahren rasant verändern. Arbeiten wir daran aktiv mit!
Über Ihre Beiträge „Controller und volkswirtschaftliches Verhalten“ würde ich mich freuen. Oder ist das Thema zu abstrakt? Beschäftigen uns operative Themen in Unternehmen mehr? Diskutieren Sie mit!